JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

MARGARETHE (FAUST) von Charles François Gounod

LANDESTHEATER EISENACH


Musikalische Leitung: Tetsuro Ban

Ausstattung: Stefan Morgenstern

Dramaturgie: Stefan Bausch / Dr. Michael Schlicht



SÜDTHÜRINGER ZEITUNG, 11. MÄRZ 2008
Diese Margarethe wirkt nach

(...) Allein was Jochen Biganzolis Inszenierung von Gounods 1859 in Paris uraufgeführter Vertonung der Gretchen-Tragödie aus Goethes Faust dem hochaktuellen Thema Kindstötung abgewinnt, offenbart die Aussagekraft von Kunst und betont die Daseinsberechtigung für dieses Ensemble. Biganzoli demonstriert die ureigenste Aufgabe von Theater: Zusammenhänge aufspüren und erlebbar machen, um Mensch und Gesellschaft zu berühren. Die Inszenierung nähert sich den Geheimnissen des Lebens mit allegorischen Bildern und inspirierter Musik, die nicht allein den Verstand, sondern auch das Gefühl ansprechen.

(...) Dafür sorgt unter anderem das geniale Bühnenbild Stefan Morgensterns in Form eines Weltkarussells, das von Mephisto per Knopfdruck gelenkt wird. Die Menschen wirken einerseits wie Spielfiguren, andererseits entscheiden sie durch ihre Handlungen selbst über ihr Schicksal. Mephisto ist dabei nur Anstifter und Handlanger. Er bietet das Messer an, zustechen muss Faust selbst. Er schiebt Margarethe den Kinderwagen zu, töten muss sie allein.

(...) Mephisto zieht danach die Handschuhe ab und kann sich unschuldig fühlen – man hätte ja nicht auf ihn hören müssen. Zudem kann er vorgeben, nur Gutes tun zu wollen, indem er Fausts Wünsche erfüllt. Solch ein Teufel erlaubt keine einfachen Feindbilder und wirkt erschreckend bekannt. Gut getarnte Strippenzieher gibt es schließlich genug, wohnen sie gar in uns. Für zusätzliche Verstörung sorgen eindrückliche Bilder. Wo eben eine Tür war, steht eine Mauer. Faust sieht sich auf dem Krankenbett liegen. Margarethes Tod ist vorbestimmt. Die Inszenierung gewinnt damit eine philosophische Dimension, die zu stundenlangem Sinnieren-Diskutieren führen kann, und sie macht den Regisseur trotz der durchgängig großen Leistungen zum Star des Abends. Seine Regie wirkt verstörend wie schlüssig, sie beantwortet Fragen und stellt neue. Manche Ideen erstaunen dabei durch ihre einfache Logik – so verweiblicht er die Hosenrolle von Siebel vollends und bringt damit eine lesbische Liebe ins Spiel. Zudem scheint Biganzoli in Geistesverwandtschaft mit dem Komponisten getreten zu sein, denn seine Bilder passen bestens zu der aufwühlenden Musik, die von der Landeskappelle unter Tetsuro Ban spannungsvoll gespielt wird. Bereits im Vorspiel deutet sich eine düster-verheerende Geschichte an, die Dramatik ist manchmal kaum zu überbieten.

(...) Die Premierenbesucher sind begeistert und danken mit Standing Ovations. Dieses kleine Haus kann großes Theater selbst machen. Aber nicht mehr lange.


THÜRINGER ALLGEMEINE, 10. MÄRZ 2008

Zum Teufel

Hyuna Ko und Enrico Lee, Mimi und Rodolfo in Biganzolis starker "Bohème", sind jetzt Margarethe und Faust und noch einmal ein Opernpaar, wenn auch in alp-traumhafter Umgebung. Mephisto schleicht sich in das Sterben des alten Faust ein, getarnt als Klempner, der im Krankenhaus die Abflüsse repariert; wie nebenbei klempnert er auch das Leben seines neuen Klienten zurecht. Ein Schluck aus der Thermosflasche des biederen Handwerkers, und Faust ist jung, vital, gierig nach Eroberungen, so einfach geht das; nur, dass Mephisto sehr schnell alle Camouflage fallen lässt, nur, dass Faust nicht eine Sekunde zweifeln dürfte, dass der Preis für sein irdisches Glück monströs sein wird. Der Mephisto des großartigen Roland Hartmann gehört zum Bösesten, was Theater erdenken kann: Hinter der gemütlich-jovialen Gestalt mit Clownshut lauert höllischer Zynismus, die Stimme lockt und schmeichelt, ätzt und höhnt. Den größten Triumph feiert Mephisto als Fernsehprediger, da zieht der böse Clown den Priesterrock über und stürzt Gretchen mit seinen Einflüsterungen in den Wahnsinn. Biganzolis Inszenierung erzählt, in dieser und in vielen anderen Szenen, vom Einfallsreichtum des Menschen, wenn es darum geht, das Gute zum Teufel zu schicken: Kein Mensch braucht dazu einen Mephistopheles. (...) Fausts Höllenfahrt auf Erden führt durch ein Karussell aus Alltags- und Traumbildern, aus Jahrmarkt und Tingeltangel, mit heiliger Jungfrau, Tod und Teufel als Schießbudenfiguren. Stefan Morgensterns aufwendiges Bühnenbild lässt, wie die gesamte Inszenierung, Scherz und Entsetzen ineinanderfließen. So opulent die Bühne wirkt, so heiter sie scheint mit ihren bunten Lämpchen: Nichts übertönt die Leere in Fausts Leben, nichts die Trostlosigkeit der weiß getünchten Räume, in denen sich die schlimmsten Taten ereignen, Mord, Selbstmord.



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