JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

LAND DES LÄCHELNS von Franz Léhar

LANDESTHEATER EISENACH



„IMMER NUR LÄCHELN UND IMMER VERGNÜGT“ - „DOCH WIE‘S DA DRIN AUSSIEHT GEHT NIEMAND WAS AN.“

Glücksverzicht, Entsagung, Resignation. Nicht unbedingt die ersten Stichworte, die einem einfallen würden, wenn man an eine Operette denkt.

Die Operette LAND DES LÄCHELNS zeigt uns vier Hauptfiguren, die in seltsamer Gemeinsamkeit der Entsagung frönen. Diese geballte Ladung an Verzicht deutet nicht auf individuelle Einzelschicksale hin, sondern auf ein breites gesellschaftliches Phänomen zumindest in bestimmten bürgerlichen Schichten.

Die Unmöglichkeit von dauerhaften Liebesbeziehungen im Stück hat nur sehr oberflächlich mit kulturellen Unterschieden zu tun. Lehár hat kein Stück über die Realitäten in China und deren Gegensätzlichkeit zur Realität in Europa geschrieben, sondern eines über die emotionalen Befindlichkeiten der Europäer. Das Exotische wird benutzt, um in dieser Verkleidung/Maskerade über die Bindungsunfähigkeit und die emotionale Verkrüppelung einer bestimmten Gesellschaftsschicht zu erzählen.

Ein genialer dramaturgischer Schachzug, denn die Funktion der zuweilen doch recht süßlichen, schwülstigen, bombastischen, opernhaften Schlagermusik bekommt eine eindeutige Funktion zu geordnet, gegenüber der emotional trostlosen Realität, beschreibt die Musik die tiefe Sehnsucht, die Utopie, den Traum dieser bindungsunfähigen Menschen. Mit Hilfe des musikalischen Operettenkitsches sind die Figuren in der Lage ihre Sehnsüchte zu leben, sich zu spüren. Allerdings ist es im „Land des Lächelns“ auf die Spitze getrieben, denn während in der Salonoperette den Liebenden noch Erfüllung gewährt wird, können sie in der lyrischen Operette nur noch „im Traum…selig sein!“ Kein Walzer hilft mehr über emotionale Barrieren – „wenn das Herz auch verblutet, die Lippe bleibt still!“ Die Unvermittelbarkeit von Innen- und Außenwelt wird konsequent bis zum Desaster betrieben. Selbst in den schönsten Träumen werden die Figuren von der Realität eingeholt.

Der Glücksverzicht wird als Resignation überhöht, die Unterwerfung zu seelischer Größe umgedeutet. Die Katastrophe der Lyrischen Operette hat die kathartische Wirkung eines Mitleids ohne Schrecken. „Werte einer Zeit, die just eben das Inwendige verlor, aber im Schein doch noch halten möchte!“ (Adorno)

 

Genau an diesem Punkt setzt die Konzeption an:

Die Funktion der vordergründig kitschigen Operettenmusik ist die Beschreibung von nicht lebbaren Utopien und Sehnsüchten. So eingesetzt, wirkt diese Musik keineswegs mehr nur kitschig und süßlich, sondern – in dem sie den Finger in die Wunde legt – schmerzlich, hart: existentiell.

Die im Stück beschriebene Gefühlswelt der Figuren hat einen eindeutigen Bezug zu unserer heutigen Zeit. Auch wir haben in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen Mechanismen entwickelt, sind in Zwänge eingebunden, die unsere Emotionalität, unsere Gefühle und unser Menschsein (im Sinne von Ganzheitlichkeit) unterdrückt, ja kastriert.

 

Stichpunkte:

  1. Um die der Musik zugeordneten Funktion (Utopie, Sehnsucht, Traum) deutlich zu machen, muss es einen großen Unterschied geben zwischen der Realitätsebene (Anfang und Schluss) und dem Mittelteil, der die gelebten Sehnsüchte erzählt.

  2. Innerhalb des Mittelteils gibt es eine Entwicklung vom traumhaft Schönen zum alptraumartigen Desaster.

  3. Alle weiteren im Stück auftretenden Figuren (Mi, Gustl, Tschang) müssen auch in der Realitätsebene präsent sein.

  4. Lisa und Sou-Chong, die diesen Alptraum erleben und aus deren Sicht das Stück erzählt wird, sollten immer wieder vor der Frage stehen: ist das Realität oder Traum (=> Wachtraum/Tagtraum)

  5. Die Erzählweise des Mittelteils speist sich motivisch aus den Gefühlen und Ängsten der Hauptfiguren Lisa und Sou-Chong:

  6. Sou will Karriere machen (gelbe Jacke)

  7. Lisa wünscht sich nichts sehnlicheres als Beruf und Liebe miteinander verbinden zu können

  8. Lisa hat Angst verletzt zu werden („Pagode“ – Mi)

  9. Vier Jungfrauen: die Versuchung für Sou, die Konkurrenz für Lisa

  10. „Meine Liebe, deine Liebe“: die glückliche Zweisamkeit bekommt Risse

  11. Sou ist ethisch-moralisch äußerst korrekt, passt sich den Gepflogenheiten gerne an, agiert mehr im Hintergrund, still, aber effektiv

  12. Die Sehnsucht von Lisa und Sou ist so groß, dass im Moment der Gefährdung alles in äußerste, verzweifeltste Brutalität umschwingt.

  13. Man ist froh wieder in der Realität angekommen zu sein, fühlt sich bestätigt im bisherigen Arrangement des Lebens



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