JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

LAND DES LÄCHELNS von Franz Léhar

LANDESTHEATER EISENACH


Musikalische Leitung: Franz Brochhagen

Bühne: Andreas Wilkens

Kostüme: Michael S. Kraus

Dramaturgie: Stefan Bausch



DEUTSCHLANDFUNK MUSIKJOURNAL, 20. SEPTEMBER 2004
Spielzeiteröffnung und Premiere „Das Land des Lächelns“ in Eisenach

Das in jeder Lehár-Operette pflichtgemäß vorkommende und vom Publikum verlangte „Tauber-Lied“: in Eisenach sang es der Koreaner Seung Jin Choi. Auch er konnte sich durchaus hören lassen. An der Seite von Sabina Martin als Lisa gestaltete er die Hauptrolle in einer 5-Personen-Kammeroper.


Als solche darf man die Eisenacher Einrichtung von Franz Lehárs romantischer Operette „Das Land des Lächelns“ durchaus bezeichnen. Regisseur Jochen Biganzoli kürzte etwa eine Seite des Klavierauszuges und etwas mehr von Ludwig Herzers und Fritz Löhners Originaltext und kam so zu einer reichlich anderthalbstündigen pausenlosen eigenen Fassung. Es verschwanden die Choreinlagen mit dem exotischen Kolorit am chinesischen Hof und es verschwand das k.u.k. Ball-Ambiente in Wien.

 

Eine ernst zu nehmende Geschichte um zwei Personen, verstrickt in ein kaum lösbares Lebensproblem, kam plötzlich in der Operette zum Vorschein. Biganzoli verlegte die Handlung um die medaillenverwöhnte Eiskunstläuferin Lisa und den Manager Su Chong in ein namenloses Hotel. Fotografen lauern beiden in der Lobby auf. Zuerst strahlt Lisa in die Kamera, später der Manager. Von beiden fällt die Triumphgebärde ab, sobald die Journalisten verschwunden sind, denn sie sind dann sehr allein.


Diese Bilder, bei Lisa ist es eine stumme Szene zur Ouvertüre, bei Su Chong eine sehr gelungene Inszenierung des Auftrittsliedes „Immer nur Lächeln“ blieben dennoch die einzigen Hinweise auf die Glücksverhinderung aus beruflichen Gründen.

  

Biganzoli richtet die Trennungsmauer zwischen beiden letztlich ganz anders auf. Geniales Theatermittel dazu ist der Hotelfahrstuhl im Bühnenbild von Andreas Wilkens. Er bringt Träume und Albträume in das Foyer, in dem sich alles abspielt. Es erscheint der Hotelmanager, der sich zuerst Autogramme der beiden Erfolgreichen und Schönen erbittet und später in den märchenchinesichen Tschang verwandelt, der Su Chong die gelbe Jacke bringt. Lisa träumt einen exotischen Blumentraum, fühlt sich als chinesische Prinzessin, bis der Fahrstuhl vier hochhackige Damen im Bikini bringt. Die entpuppen sich als vier Jungfrauen, die Su Chong nach alter Sitte heiraten muss.

 

Natürlich bringt der Fahrstuhl auch ein Zimmermädchen, das in unverstehbarem Vokabular über die Unordnung in der Lobby zetert und sich später in die chinesische Prinzessin Mi verwandelt, oder verkleidet. Sie fordert nun ihrerseits ihr Recht auf Liebe ein. Es gibt ja schließlich noch Gustl, der im Tennisdress im Hotel – oder ist es jetzt doch der chinesische Hof – auftaucht: „Deine Liebe, meine Liebe, die sind alle gleich“. Aber ob Krista Kujala ihren Francois Soons als Zimmermädchen - oder ist sie doch die traditionsbeladene Prinzessin Mi – bekommt, ist fraglich. Schließlich ist er der erklärte Bräutigam der westlichen Eislauf-Diva.

  

So mehrdeutig Biganzoli die Situation erscheinen ließ, so deutlich führt er die Personen. Immer stehen vier Menschen einander in ihrem ganz elementaren Glücksverlangen gegenüber. In jedem Moment ist die Inszenierung gegenwärtig und sind die Gefühle der Personen nachfühlbar, ist der Abend exotisch-pompös angestaubter Operettenkonvention entledigt, und doch dem Werk treu.

Biganzoli findet die Gegenwärtigkeit des Stoffes im größtmöglichen Zusammenhang. Keine Schwierigkeit, sich kennen zu lernen, auch wenn der eine aus Wien, der andere aus China kommt: Globalisierung macht es möglich.

 

Globalisierung macht es auch möglich, dass ein Koreaner den Chinesen singt, dass das Zimmermädchen in Finnisch schimpft. Was unter all der weltläufigen Selbstverständlichkeit aber doch nicht verborgen bleibt, sind die Unterschiede zwischen dem ausländischen Zimmermädchen und dem jungen Mann aus gutem Hause, zwischen der europäischen Frau, die ihrem Mann vielleicht aus Liebe in seine Heimat folgt, jedoch nach dem Spruch „Du hast zu gehorchen“ besser das Weite sucht und sei es fluchtartig über die Feuerleiter. Weltweite ökonomische Verständigung bedeutet lang noch nicht weltweites menschliches Verstehen, das zeigt Biganzoli auf phantastische Weise, mittels eines Fahrstuhls auf einer Theaterbühne in einer Operette.

  

Es war aber nicht allein die sinnstiftende Regie die den Abend in Opernnähe rückte. Franz Brochhagen führte das Orchester zu einem glasklaren Klang und treibt ihm alle schluchzende Rührseligkeit aus. Dramatische Akzente werden deutlich hervorgehoben, alle von Lehár komponierten Reibungen werden auch tatsächlich gespielt. Man glaubt Momentweise, Lehárs ewigen Antipoden Richard Strauss zu hören. Sabina Martins große und differenzierungsfähige Stimme betreibt diese Illusion besonders.

Das Eisenacher Theater muss ohne Chor existieren, das Orchester wurde geschrumpft, die finanziellen Mittel sind beinahe tödlich knapp. Mit der Premiere am vergangenen Sonnabend begann die erste Spielzeit, für die diese Bedingungen gelten. Intendant Michael W. Schlicht hat ein Programm vor, das mit diesen nicht schön zu redenden Bedingungen bestmöglich umgehen muss.

Ein solcher ideenreicher Abend, wie dieser kann die Spielzeit trotzdem zum Erfolg werden lassen. Biganzoli hat dem Publikum einen sehr modernen Operettenabend verabreicht, ohne es durch Äußerlichkeiten zu provozieren. Das könnte das Rezept sein.


Irene Constantin


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