JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

WINTERREISE von Franz Schubert

BREMER SHAKESPEARE COMPANY



WINTERREISE – EINLEITENDE ÜBERLEGUNGEN

Es ist die Zeit nach 1815 (Schubert ist 18 Jahre alt), die Zeit nach dem „Wiener Kongress“, das Zeitalter der Metternichschen Restauration. In den „Karlsbader Beschlüssen“ wird das Reglement zur Disziplinierung der missliebigen intellektuellen

Opposition formuliert: an den Universitäten werden staatliche Bevollmächtigte eingesetzt, die den „Geist, in welchem die akademischen Lehrer verfahren“ sorgfältig zu beobachten haben. Ein wegen „erweislicher Abweichung“ von seiner Pflicht aus seinem Amt entfernter Lehrer oder Professor darf in keinem Bundesstaate wieder angestellt werden – und keine in deutscher Sprache erscheinende Zeit- oder Druckschrift darf ohne Genehmigung der Regierung „zugelassen oder ausgegeben werden.“ Damit wird die staatliche Zensur zu einer grandiosen Arbeitbeschaffungsmaßnahme für arbeits- und/oder gesinnungslose Intellektuelle: Im Wien Schuberts gab es zu jener Zeit etwa 2000 intellektuelle Agenten, damit beschäftigt, den Kulturbetrieb sachkundig zu kontrollieren. Eine Oper von Schubert wurde von der Zensur verboten, er war also unmittelbar davon betroffen. Ebenso erging es Wilhelm Müller, dessen Gedichte und Texte wurden von der Zensur häufig „abgeändert“ oder verboten. Im Umkreis von Schubert gab es auch Selbstmorde von Kollegen, die aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen waren, für den Metternichsche Überwachungsapparat zu arbeiten (z. B. 1836 der Lyriker Mayerhofer).

Die Wiener Bürger reagierten sehr unterschiedlich auf diesen Überwachungs- und Bespitzelungsapparat. Die breite Masse des Volkes setzte sich vielfach mit Leichtlebigkeit, Ungezwungenheit und Fröhlichkeit über die politischen Verhältnisse hinweg. Noch nie wurde in Wien soviel getanzt, wie zu dieser Zeit (1821 fanden zur Karnevalszeit 1600 (!) Tanzbälle statt.) Gleichzeitig setzte eine deutliche Verflachung des Niveaus in der Kunstproduktion ein – Amüsement war wichtiger geworden. Besonders im Musikleben dominierte das leere Virtuosentum. Gegen diese Form von Star- und Eventkultur hatten es viele Komponisten schwer, ihr Publikum zu finden. Allenfalls im Kreise gleichgesinnter Freunde konnte der Austausch freiheitlicher Gedanken riskiert werden, die anderenorts von der Zensur verboten worden wären, oder noch schlimmere Konsequenzen gehabt hätte. Franz Grillparzer fasste dieses Dilemma zusammen, wenn er schreibt:

„Hätte ich nie etwas anderes geschrieben, als wobei es sich darum handelt, ob der Hans die Grete bekommt oder nicht bekommt, ich wäre der Abgott der Staatsgewaltigen gewesen; kaum aber ging ich über diese engen Verhältnisse hinaus, so fing die Verfolgung von allen Seiten an.“

So blieb vielen Künstlern nur die Flucht aus diesen „finsteren Zeiten“: Versenkung in das Innere der Gefühlswelt (Novalis) und in die Vergangenheit (von Schwind). Hinwendung zum Volk, es entstehen „Volksliedsammlungen“ (Brentano, Gebrüder Grimm). Rückzug in den engen, kleinbürgerlichen Bereich des Lebens: eine typische Haltung des „Biedermeier“. Diese Flucht(en) vor der Wirklichkeit resultiert allerdings aus der tiefen Enttäuschung über die gesellschaftlichen Umstände und der Unfreiheit. Deshalb suchten viele Künstler die Wirklichkeit in der Kunst zu poetisieren.

Schubert, der romantische Künstler: Das Idealbild des genialen romantischen Künstlers, wie es das Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert (und im 20. Jahrhundert!) geliebt und gebraucht hat, war ein Mensch voller Idealismus, ohne nach finanziellem Erfolg zu streben, arm und gleichzeitig ein ausschweifendes Leben führend und an Alkohol oder Geschlechtskrankheiten sterbend. Diese Projektion des Normalbürgers, hatte selten etwas mit der Realität zu tun, ebenso wenig wie die unglaubliche Banalisierung Schuberts zur Romanfigur („Schwammerl“) und zum Operettenhelden („Dreimäderlhaus“). Schubert war nicht arm, litt unter dem Niveauverfall in der Kunstproduktion seiner Zeit, litt unter der Zensur, nahm die gesellschaftlichen Missstände seiner Zeit sensibel wahr und er starb auch nicht an Syphilis. Er war allerdings auch kein Märtyrer und Revolutionär – 1848 war noch weit.

Es spricht einiges dafür, dass die Sprache der Künstler dieser Zeit, also auch die von Wilhelm Müller und Franz Schubert, eine Chiffrierte ist, dass Anderes und Bedeutsameres gemeint ist als „Liebesleid und Liebesweh“. Vielmehr geht es um den Abschied von den Idealen (der Revolution), deren Umsetzung von den herrschenden Verhältnissen unmöglich gemacht werden. Einzig im privaten Kreis (Schubertiaden) ist das Leben der Ideale möglich - hier bestärkt man sich gegenseitig im „richtig sein” der Ansichten. Grundsätzlich hat der Protagonist die Wahl zwischen den Optionen des revolutionären Handelns (also dem Versuch gesellschaftliche Missstände zu verändern) und der Flucht vor der Wirklichkeit (Reise, Tod), zu der man gedrängt wird.

Franz Schubert und Wilhelm Müller haben sich nie persönlich kennen gelernt. Was wäre passiert, wenn es so gewesen wäre?



von Jochen Biganzoli und Dr. Frank Nolte



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