JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

LUISA MILLERIN von Giuseppe Verdi und Friedrich Schiller

LANDESTHEATER EISENACH



VORBEMERKUNGEN

Im ersten Moment des Vergleichs beider Stücke war ich von der Oper und deren Dramaturgie sehr enttäuscht. Zuviel Wesentliches haben die Opern-Autoren gegenüber Schiller gestrichen. Jedoch hat sich bei der Beschäftigung mit der Materie schnell herausgestellt, dass dieses Urteil ungerecht ist.

Die staatliche und die kirchliche Zensur, dessen waren sich auch die beiden Autoren Verdi und Cammarano bewusst, hatten maßgeblichen Einfluss auf die Arbeit am Stoff. Zu genau wussten Verdi und Cammarano was sie sich erlauben konnten und was nicht. Hinzu kommt die restriktive Besetzungspolitik an den damaligen Opernhäusern – noch war Verdi nicht in der Position, Forderungen zu stellen.

Aus diesen Gründen ergeben sich logischerweise Veränderungen gegenüber der Vorlage. Beispielsweise hat die Veränderung in der Namensgebung von Ferdinand zu Rodolfo, nur mit der Tatsache zu tun, dass in Sizilien ein Herzog Ferdinand regierte. Die starke Verkürzung bzw. das Weglassen der Figur der Milford hat mit der damaligen Besetzungspolitik zu tun, die zwei Primadonnen nicht erlaubte. Und die offene politische Anklage (Kammerdienerszene) hätte nicht die geringste Chance gehabt, auf einer Opernbühne realisiert werden zu können.

Dennoch ist der Musik sehr genau anzumerken, dass Verdi Schiller verinnerlicht hat, dass er Schillers Figuren zum musikalischen Leben erweckt hat. Wenn auch das Libretto den damaligen Verhältnissen geschuldet ist und zur Vereinfachung gegenüber der Vorlage führte, so sind in jedem Takt die genaue Charakterzeichung, die Emotionalität und die politische Realität spürbar.

 

Eine Verbindung beider Stücke macht für mich also deshalb Sinn, weil Verdi Schiller viel näher war, als es beim Lesen des Librettos den Anschein hat.

 

Wenn man die beiden Stücke (Oper und Schauspiel) vergleicht werden vor allem folgende Unterschiede sichtbar:

Verdi konzentriert sich voll auf den Handlungsstrang um das Hauptpaar (keine Milford-Szenen, kein Baron von Kalb, keine Kammerdiener-Szenen). Das Liebespaar scheitert vor allem an den widrigen äußeren Umständen (Väter, Intrigen). Zu Beginn der Oper herrscht reines Liebesglück zwischen den Protagonisten. Am Ende findet eine Art Liebestod statt – Vollendung der Liebesbeziehung im Jenseits.

 

Bei Schiller spielt zwar die politische Ebene eine viel größere Rolle und das Liebespaar scheitert auch an diesem äußeren Konflikt. Jedoch scheint mir der innere Konflikt bedeutsamer. Das Paar scheitert vor allem an sich selbst. Von Beginn an zweifelt Luise an der Richtigkeit ihres Handelns. Ferdinand hat die gleichen Ängste, geht aber sehr ‚männlich’ mit der Situation um, in dem er sich gegen alle Widerstände auflehnt. Für beide ist die neue Beziehung ein Ausbruchsversuch aus der Welt der Väter mit deren Denk- bzw. Lebensweisen. Keiner der beiden kann sich aber wirklich davon lösen. Die Ausbruchsversuche scheitern auf dramatische Weise.

Die Veränderung von Ferdinand vom Sturm-und-Drang-Liebhaber, mit allerdings klarer aggressiver, herrschaftlicher Platitude, zum Mörder und Selbstmörder, vom Idealisten zum Zerstörer, ist gewaltig. Wieso erkennt er die Intrigen nicht? Was macht ihn blind davor? Oder Luise: warum kann sie dem tief religiöse Elternhaus nicht entrinnen? Ist es wirklich nur Standesdenken? Diese Fragen machen KABALE UND LIEBE auch heute noch spannend. Betrachtet man die Erstaufführung in Mannheim (Regie: Schiller) gibt es am Ende noch nicht einmal eine Versöhnung. Vielmehr lässt der Regisseur Schiller seine Figuren (und zwar alle!) restlos scheitern, keine Vergebung, kein Liebestod. Der Tod beendet alles mit furchtbarer, kalter Konsequenz.


 

KONZEPTIONELLER ANSATZ

Zweifelsohne sind die Veränderungen durch Verdi/ Cammarano gravierend. Es macht also keinen Sinn mit der Oper, das Schauspiel nachzuerzählen. Es muss also einen anderen Weg geben. Dabei scheint mir die Unterschiedlichkeit der beiden Werke der Schlüssel zu sein. Also nicht eine Zusammenfassung beider Stücke, sondern eine fruchtbare Verbindung, die aus der Unterschiedlichkeit heraus  zu einem „neuen“ Stück, zumindest aber zu einer neuen Sichtweise führt.

Durch Verdis Konzentration auf den Handlungsstrang der „Liebe“ und der „Intrige“ und Schillers dezidiert genauer Beschreibung der inneren Konflikte der Hauptfiguren bzw. deren individuelles Scheitern, bietet sich genau an diesem Punkt die Möglichkeit einer Verbindung beider Stücke.

Im Zentrum meiner Fassung stehen deshalb das Liebespaar, seine (inneren) Konflikte und sein Scheitern. Der Handlungsablauf (Reihenfolge der Musiknummern) von Verdi bleibt unangetastet. Durch Dopplung der beiden Hauptfiguren mit Schauspielern wird es möglich die inneren Konflikte der Figuren, die bei Schiller breiten Raum einnehmen, in die Oper einzubetten. Ferner ergeben sich szenisch interessante Konstellationen, wenn sich eine Figur ‚mit sich’ unterhalten kann, die innere Stimme sichtbar ist und innere Konflikte ‚körperlich’ ausgetragen werden können.

Einige zum Teil gewichtige Veränderungen bei Verdi sind notwendig, um eine ausgewogene und konzentrierte Fassung zu gewährleisten:

Alle Chorstellen werden gekürzt, gestrichen bzw. bearbeitet. Der Chor hat bei Verdi keine dramaturgische Funktion, vielmehr bietet er, vor allem durch seinen Einsatz zu Beginn der Bilder, die Atmosphäre für die folgenden Solistenszenen. Ansonsten ist die Oper von einer intimen, kammerspielartigen Atmosphäre geprägt. Verdi hat sich hierin an die geltende Konvention der ital. Nummernoper gehalten, insofern musste er den Chor einbinden. Hätte er frei walten können, hätte er sich vermutlich noch enger an Schillers Dramaturgie orientiert – aber das ist Spekulation.

Rodolfo begegnet Luisa nicht in der Verkleidung als Jäger Carlo. Beide sind sich wie bei Schiller von Anfang an ihrer standesübergreifenden Beziehung bewusst. Hierzu bedarf es einiger Textveränderungen. Da die Aufführung in der Originalsprache stattfinden soll, müssen einige Stellen ins Italienische übertragen werden.

·Die Figur der Laura wird aufgewertet zu Frau Miller bzw. Mutter von Luisa. Deshalb wird, trotz der musikalischen Nähe Lauras zum Chor, so wenig wie möglich von dieser Partie gestrichen.

 

Wichtig ist die Motivation für die Dopplung der Hauptfiguren und deren Verhalten im Verlauf der Handlung untereinander. Ziel ist, eine möglichst vielschichtige Erzählweise  zu erreichen.


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