JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

RIGOLETTO von Giuseppe Verdi

KLEIST THEATER FRANKFURT ODER



DIE CANZONE DES HERZOGS "LA DONNA È MOBILE”

In seinem Aufsatz "Don Giovanni redivivus - Zur Dramaturgie des Herzogs in Verdis Rigoletto" schreibt Eberhard Schmidt:

Den ganzen dritten Akt hindurch scheint kein Textwort darauf hinzudeuten, dass der Herzog auch nur einen Gedanken an die verlorene Geliebte verschwendet. Die Musik allerdings gibt andere Auskünfte. Bereits sein Auftrittsmotiv lässt aufhorchen, gleicht es doch dem, mit dem er Gilda am Ende der ersten Begegnung, also mitten in seinem Glücksrausch, verlassen musste. Die Hast, die es vermittelt, ist ihm deshalb nicht allein äußerlich, als sei schlicht und einfach Eile klangmalerisch in musikalische Motorik übersetzt worden. Dass Verdi ausgerechnet diese Anknüpfung und nicht irgendeine wählte, um die Figur im dritten Akt weiterzuführen, sollte zu denken geben. Kaum hat der Herzog grußlos und barsch mit knappen Worten "una stanza e del vino" ("ein Zimmer und Wein") verlangt, da beginnt er bereits seine Canzone "La donna è mobile”.


Soweit Eberhard Schmidt. Unerwartet endet dieses Auftrittsrezitativ, unerfüllte Kadenz - Generalpause. Ein Trugschluss mit anderen Mitteln. Alles vorher Gesagte mutet eher flüchtig als gewichtig, eher unstet als gefasst an. Der Hörer wird von Verdi in eine unerwartete Stille hineingeführt, kaum ahnend, dass diesem Vakuum die Canzone des Herzogs folgt. Selbst deren Beginn im ersten Takt des Vorspiels mit der knappen Begleitfigur des 3/8 - Takts im pianissimo lässt den Hörer noch im Unklaren. Jäh setzt dagegen im 2. Takt die Melodie unisono in Holzbläsern und Violinen "con brio" mit starken Akzenten ein. Das Ohr des Zuhörers, mittlerweile schon zum zweiten Mal in die Irre geführt, kann sich jedoch kaum an den neuen musikalischen Affekt gewöhnen. Mitten in der Phrase ändert dieser sich grundlegend: forte wird zu piano, Akzente weichen dem Legato. Resignantiv vermag diese Melodie sich nicht selbst zuende zu singen, sie bricht ab und bereits zum dritten Mal bleibt nur irritierende Leere. Unerfüllte Kadenz - Unstetes rezitativisches Hineilen - Hereinbrechen immenser Kräfte - In-sich-Zusammenfallen: All das legt Brüche offen. Gerade der Schlager, der uns so oft beim Gang durch Supermärkte verfolgt, er wird zur todernsten Angelegenheit. Leichtigkeit wird zur Tiefe entsprechend der Charakterisierung eines Mannes, dessen Text mehr Anklage und Enttäuschung offen legt als oberflächiges Macho-Gehabe.


Stephan E. Wehr



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