JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

JESUS CHRIST SUPERSTAR von Andrew Lloyd Webber

SCHLESWIG-HOLSTEINISCHES LANDESTHEATER



NEUES DEUTSCHLAND, 21. JANUAR 2010


Aufbruch ins Unbekannte

Jochen Biganzoli inszenierte in Flensburg die Rock-Oper »Jesus Christ Superstar«


Wie sieht es aus an der Doppelspitze dieser neuen Gemeinschaft? Was geschieht in ihrem inneren Zirkel, der sich gerade erst formte? Diese Leute wollen Unerhörtes, ganz Neues. Sie wagen, einen Aufbruch in eine unbekannte Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu beginnen, die sie als unabdingbar erkannt haben. Noch ist es nur ein verschworener Zirkel, aber er fängt schon an, das Volk auf den Straßen umzutreiben. Viele schon folgen dem charismatischen Mann und den Zwölfen, diesen unauffälligen, mittelmäßigen, die ihn begleiten. Ein paar Frauen sind auch dabei. Aber beherrscht Jesus diese Masse noch? Ist er noch Herr seiner Ideen? Und wohin soll der lange Weg gehen? Seinen Freund und Mitstreiter Judas treiben Zweifel und Sorgen um. Kaum kann er auf einem Fleck stehen, es reißt ihn hin und her. Er ist der Antityp zur Lichtgestalt Jesus, dieser kräftige Mann mit der Konstitution eines Durchreißers, mit der wilden Mähne, dem nicht sofort einnehmenden Gesicht.

Jochen Biganzoli, Regisseur von „Jesus Christ Superstar“ am Theater Flensburg hat die Rockoper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice aus der Welt der Hippies in der Wüste, die die Uraufführung 1971 am Broadway suggerierte, in die Gegenwart geholt und damit in den Lauf der Geschichte hineingehoben. Moses und Aaron, Münzer und Luther, Robespierre und Danton, Realos und Fundis – irgendwo finden sich immer ein charismatischer, visionärer Träumer und der realpolitische Retter der Bewegung, der Pragmatiker. Wer dabei zur tragischen Figur wird, wer in Jahrhunderten zum Idol, ist nicht von Anfang an ausgemacht.

Was ist es auch mit dieser Menge, die Hosianna ruft beim Anblick des blond-schlank-sanft-muskulösen Jesus und gleich darauf dem Schnäppchentaumel im Tempel die noch gewaltigere Anbetung widmet. Was ist es mit uns selbstverständlich vorzüglicheren Menschen, die wir aus unserer Mitte die Herren Kaiphas, Annas und sonstige Priester losschicken, die Pöbelbewegung mittels Justizmord im Keim zu ersticken und für immer zu erledigen. Biganzoli hat diese Herren im Smoking mitten in das Publikum gesetzt.

Atemverschlagend Politisches schält er also aus diesem 40 Jahre alten Stück rockmusikalischem Musiktheater und trotzdem liegt die Betonung auf Theater. Jochen Biganzoli führt seine Hauptdarsteller Chris Murray, Jesus, und Ralf Meyring, Judas, in das Absolute einer Freundschaft. Man weiß seit 2000 Jahren wie es ausgeht zwischen den beiden und doch folgt man jedem Atemzug, jedem Blick, jedem Zu- und Abwenden der Körper, jedem Atemzug. Hasserfülltes Gefühl ringt gegen liebendes Wissen, gegen doppelte Verzweiflung. Maria Magdalena, die zarte und gute, tröstet Jesus, beruhigt ihn, tut ihm einfach gut. Ihre Zweifel trägt sie allein aus. Gabriela Kuhn hat eines der schönsten Lieder des Stücks zu singen.

Man darf auch so etwas Regietheater nennen.


Und überdies: das Stück verdient den Untertitel Rock-Oper durchaus. Die Musik ist außerordentlich facettenreich und Andrew Lloyd Webber wusste seinerzeit durchaus, was wirkt. Zarte a-capella-Chöre und der flott poppige Ohrwurm vom „Superstar“ bringen genau die Fallhöhe, die er brauchte. Die großen Bach-Passionen sind nicht weit; die durchschlagenden Turba-Chöre „Kreuziget ihn“ erscheinen fast wie Variationen des langbewährten Musters. Auch die langsamen Songs, die verkleideten reflektierenden Arien, fehlen nicht. Wild gezackte Gitarrenriffs, natürlich, sie sind die Zeitmarke des Rocks - beeindruckend gespielt von Ture Rückwardt.

Christoph Wohlleben hat mit dem Schleswig-holsteinischen Sinfonieorchester und einer Rockband diese musikalische Zeitreise fast demonstrativ herausgearbeitet. Es wurde betont genau musiziert, ganz ohne Sponti-Attitüde und gerade darum so besonders spannungsvoll.

Zwar wurde auf der Bühne mit Mikroports gearbeitet, aber dass intensiv und ohne zu sparen gesungen wurde, war immer zu hören. Kein Ausfall im der großen Besetzung der mittleren Partien Pontius Pilatus, Kaiphas, Herodes, insgesamt ein sehr gut zusammen funktionierendes Ensemble. Apropos: der Chor verdient ein Extralob. Singend und spielend vollbrachte der relativ kleiner Klangkörper gemeinsam mit dem ebenfalls sehr engagierten und gut choreografierten Ballett das Wunder, die Macht der Masse auf die Bühne zu bringen.

Ein weiteres Ausrufezeichen aus Flensburg, wo es seit einigen Jahren ein ambitioniertes Musiktheater gibt, gar eine Nominierung für den Theaterpreis „Faust“ stand unlängst für den dortigen „Tannhäuser“ ins Haus.


Irene Constantin


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