JOCHEN BIGANZOLI   REGISSEUR

FIDELIO von Ludwig van Beethoven, LANDESTHEATER DETMOLD

Musikalische Leitung: Erich Wächter

Ausstattung: Heike Neugebauer

Dramaturgie: Elisabeth Wirtz / Bettina Bartz


LIPPISCHE LANDESZEITUNG, 16. SEPTEMBER 2008

Herkömmliche Vorstellungen haben keinen Raum mehr in der "Fidelio"-Inszenierung, die Jochen Biganzoli für das Landestheater auf die Bühne des Herforder Stadttheaters brachte. Doch die Bravo-Rufe galten ebenso Beethovens unvergleichlicher Musik, die das Orchester unter Erich Wächter in faszinierender Weise aufbegehren und aufblühen ließ. "Jetzt, Schätzchen, sind wir allein!", singt der Gefängnispförtner Jacquino. Doch auf der Bühne sind bereits sämtliche Akteure und der großartig singende erweiterte Chor (Einstudierung: Felix Lemke) präsent. Der von Heike Neugebauer gestaltete kahle, hermetisch abgeschlossene Raum, der nur vom fahlen Oberlicht beschienen wird, ermöglicht bezwingende Bilder von Furcht und Anpassung unterdrückter Menschen. Sie saufen sich in die Idylle (was auch die Verliebtheit der angeschickerte Marzelline in die falsche Person glaubhaft macht) und huldigen in von Angst geprägtem Opportunismus dem Kriegsherrn, dem nach dem Vorbild chilenischer Frauen die Bilder der Verschwundenen entgegen gehalten werden.


Menschliche Gleichgültigkeit entsteht aus Furcht, und so symbolisieren Augenbinden stärker als jedes naturalistische Bild das einsame Dunkel des Kerkers. Dieser aus Überlebenszwang angepassten Gesellschaft gehört auch der Kerkermeister Rocco an, von Vladimir Miakotine (keineswegs "bald des Grabes Beute") als nicht unsympathischer Mitläufer gestaltet. Dazu gehört das am Anfang und Ende erotisch aneinander interessierte Duo Marzelline (Kirsten Höner zu Siederdissen) und Jacquino (Konstantinos Stavridis), die ihren kleinen Ausflug in utopische Gefilde unbeschadet überstehen. Doch wahre Kämpfer für die Utopie sind Leonore und Florestan (in Bestform: Brigitte Bauma und Johannes Harten). Die berühmteste aller Leonoren-Arien "Komm, Hoffnung" greift grandios ans Herz, und der Aufschrei des Gefangenen "Gott, welch Dunkel hier" wandelt sich zum Pianissimo-Einsatz mit anschwellendem Hall.

Halluzinierend wird eine bürgerliche Idylle beschworen, gefolgt vom Zusammenbruch angesichts der Realität. Nicht nur als Gestalt, sondern auch stimmlich befindet sich der Pizarro von Joachim Goltz in dieser Inszenierung auf Augenhöhe mit seinem Rivalen. Hier treffen zwei politische Alphatiere beim Ringen um die Macht aufeinander. Der untadelig gekleidete Gouverneur ist ein Ehrenmann, der gekonnt das Stilett zu führen weiß und mit aasigem Lächeln das Morden anordnet. Als Repräsentant des Todes setzt er nach dem Vorbild von Ingmar Bergman seinen Gegner schachmatt, um ihm alsbald fürsorglich die Hand auf die Schulter zu legen. Höflich reserviert, allenfalls mit einer "Dumm gelaufen"-Attitüde, verhält sich Pizarro auch nach der Aufdeckung seines perfiden Plans. Bis die Harmonie empfindlich gestört wird und die Sache aus dem Ruder zu laufen droht.

Allein die Musik überhöht die Gestalt des Ministers (Andreas Jören), der immerhin dem gleichen Regime wie der Gouverneur angehört, zum Messias. Und die Bühne öffnet sich zu dem einzigen Ort, an dem die Utopie geschehen kann, zum Bühnenraum des Theaters. Am Ende leuchtet golden und einsam die rettende Fanfare.