JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

DON GIOVANNI von Wolfgang Amadeus Mozart

KLEIST THEATER FRANKFURT ODER



Ich bin ein sonderbares Ding; ich habe keine Seele und keinen Körper;

man kann mich nicht sehen, aber hören;

ich existiere von mir selbst nicht;

nur ein Mensch kann mir das leben geben, so oft er will;

- und mein leben ist nur von kurzer Dauer

- denn ich sterbe fast in dem augenblicke da ich geboren werde.

- und so kann ich nach willkühr der menschen unzählige Mahl des Tages leben und sterben.

- Demjenigen, der mir das Leben giebt, thu ich nichts
- aber demjenen, weswegen ich geboren werde,

lasse ich die kurze Dauer meines lebens doch mit schmerzen empfinden bis ich verscheide.


Wolfgang Amadeus Mozart

 



ZEHN TROSTFREIE ANMERKUNGEN ZUM KOMISCHEN DRAMA DON GIOVANNI DES WOLFGANG AMADEUS MOZART


Zum Beispiel Spanien. milletre. Es gibt keinen Zweifel an Leporellos Zahlen: Und jede hat Gesicht, Gestalt und Namen für das Chamäleon Giovanni. Die Zahl der Töne und Tonarten ist durchaus identisch mit der aus Leporellos Register. Giovanni, absorbierend nicht nur das Licht, auch die Musik der Objekte seiner Gier und damit ihren emotionalen Boden. Und wie in Musik sich fressend, so auch in Seelen. Seine Opfer Schatten, sichtbar nur im Gedanken an ihn. Sonnenfinsternis und Unkenntlichkeit bei seiner Absenz.

Zu sprechen wäre auch über Juristisches. Einbruch, Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, Totschlag, Körperverletzung, Nötigung, Erpressung. Für die kurze Zeitspanne der Handlung - 24 Stunden - eine recht erstaunliche Anzahl krimineller Delikte.

Anna, mutterlos. Aus Stein der Gast zu Lebzeiten schon, der Vater. Und Ottavio, der andere Mann? Nur eine andere emotionale Temperatur? Keine gemeinsame Sprache mit Anna findend, nie eine solche suchend, außer: Anna zwingt sie ihm auf. Ottavio und der Appell an unser Mitgefühl mit dem Ungeliebten.


Der Blick Leporellos. An der Tragödie Anfang und an ihrem Ende. Missgelaunter Spanner und Buchhalter produzierter Vergangenheit seines Herrn und: angstschlotternder Zeuge des Finales. Ein Voyeur als Überlebender. Das gibt mehr zu denken, als lieb sein darf.

Giovanni - das barocke, katholische Lustprinzip in seiner extremen, vielleicht pervertierten Form. Höchste Lust der Tanz. Drei Orchester auf der Bühne. Ottavio und der bürgerliche Rechtsstaat - der Ausblick auf das Kommende: “Ich will den Irrtum aufklären oder sie rächen.” -  Und: “Mein Leben geb ich hin, wenn nötig.” Erste Periode: “il mio tesoro” - 7 Takte. Die Tragödie des Ottavio im Abhandenkommen des 8. Taktes einer Arie.


Dazwischen Frauen - Anna, Elvira - zur Staffage, halb in alten Zeiten noch, halb in neuen angekommen schon. Elvira auf dem Wege ins Kloster. Anna - sterbend binnen Jahresfrist (Felsenstein). Masetto - der tiefbegründete Zweifel an der proletarischen Revolution, dem hernachfolgenden Jahrhundert. Unter dem Strich Zerlina: Um nicht den ganzen Verstand auf einmal zu verlieren angesichts dessen, was da überlebt.


Die Kretins der französischen Revolution, durchgeknallte Pumphosenspießer im Blutrausch allesamt - Robespierre, Saint Just, Marat - Heilsbringer nach Giovannis Abgang. Letztlich: was Mozart vom Bürgerlichen hielt, steht exemplarisch in Cosi fan tutte.

“Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein ist Poesie.” (Schiller) - In Giovanni die Wiedergeburt des Dionysos, Gottheit des Rausches, vergangenheitslos und zukunftfrei. Alfons Rosenbergs Traum: Entzückung umschlagend in Todestaumel. Göttlicher Wahnsinn und früher Tod.


Ouvertüre. Komturakkord d-Moll, die Tonart des Requiems und des Klavierkonzerts KV 466. Der Nagel auf den Sarg der Aufklärung: viva la liberta!


Da Pontes hinzugedichtete Verkleidungsszenerien. Vexierspiel und Bankrott der erkennungsdienstlichen "Näherung" an Theater. Die Dimension einer Figur sichtbar in genau jenen Passagen (und vielleicht nur dort), die den Gang der Dinge behindern: Was aber, wenn nun nicht Nacht, sondern Tag, hellstmöglicher Theatertag auf der Szene wäre. Unversehens gerät die Komödie zur Tragödie. Offenen Auges, wachen Sinns in die Katastrophe.


Don Giovannis Theatralität. Immun gegen Deutungen und schreiend nach Zeichen. Zeichen, die die Zeiten (gleichwelche auch immer) überdauern. Dramma giocoso. Tragödie der Komödie und Komödie der Tragödie.


il Commendatore: “Pentiti!”  - Giovanni: “No!”

Das fürchterlichste Lachen der Musikgeschichte, weil es kein Erbarmen mit sich selber kennt.

“Unter den sieben Opern, die Mozart im letzten Lebensjahrzehnt, von Idomeneo bis Zauberflöte schrieb, waltet allein in Don Giovanni weder Verzeihung noch Gnade.” (Ivan Nagel) Wem angesichts des Finale 2 nicht angst und bange wird um die Fortexistenz der menschlichen Gemeinschaft, ist letztlich zu beneiden, weil er keiner Hilfe und keines Trostes mehr bedarf. Ein Element von Gnade indes waltet in einer Fußnote der Rezeptionsgeschichte: Der Wiener Hofkapellmeister Gustav Mahler läßt 1906 vor dem letzten Sextett den Vorhang fallen. Anstatt das geneigte Wiener Hofopernpublikum teilhaftig werden zu lassen an der fortschreitenden Depression, entlässt er es mit dem unsicheren Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein. Vielleicht ist es der letzte sittliche Auftrag von Theater, sich diese Form von Wirkung zu vergegenwärtigen.

In der Hölle angekommen, zeugen Komtur und Giovanni den Menschen der Zukunft: ein Frankensteinsches Monster jenseits von Hoffnung und Furcht.

“Wo früher Gespenster aus Vergangenheit kamen, so jetzt aus Zukunft auch.” (Heiner Müller)

 


von Alexander Suckel, Programmheft - Kleist Theater, Frankfurt (Oder)



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