JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

DIE ZAUBERFLÖTE von Wolfgang Amadeus Mozart

STADTTHEATER PFORZHEIM


LESERBRIEF (OPERNWELT – DEZEMBER 2001)

Zu Jochen Biganzolis «Zauberflöten» - Konzept in Plauen und Pforzheim (OW 11/2001)


Seit mehr als zwanzig Jahren besuche ich Aufführungen der «Zauberflöte», sei es in Deutschland, sei es im europäischen Ausland, immer auf der Suche nach außergewöhnlichen und guten Inszenierungen. Die diesjährige Inszenierung in Pforzheim gehört zu den eindrücklichsten und konsequentesten der circa vierzig verschiedenen, die ich gesehen habe.

Selbstverständlich ist der Ansatz, das Stück als den Eintritt in das Erwachsenenalter aufzufassen, nicht neu. Allerdings ist es Jochen Biganzoli gelungen, diese Grundidee konsequent durchzuführen. Hierbei besticht besonders die bis ins Detail durchdachte Personenregie des Regisseurs. Ein Tamino im Matrosenanzug ist sicherlich für den Zuschauer ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Aber wie verliebt zeigt er sich Pamina, seiner ersten Liebe! Sehr einfühlsam spielen die Protagonisten mit jeder Geste, jeder Mimik neben der beachtlichen sängerischen Leistung die Begegnung mit dem ersten Partner und auch die damit verbundenen Unsicherheiten, was der Idee und einer sensiblen und intensiven Arbeitsleistung des Regisseurs zu verdanken ist.

Ausgezeichnet gelungen ist zum Beispiel die Szene des versuchten Selbstmordes von Pamina zum Teil hinter geschlossenem Vorhang, während die drei Knaben als Berichterstatter für das Publikum fungieren. Die Interpretation folgt Schritt für Schritt dem Text, der Spannungsbogen wird logisch aufgebaut.

Auch der Schluss ist beeindruckend; der Chor ist überaus lebendig gestaltet, nicht so staffagenhaft wie normalerweise üblich, während er sich von Sarastro abwendet und den beiden Paaren zuruft: «Heil sei Euch Geweihten» - und Sarastro bleibt letztendlich als Verlierer allein vor dem Vorhang zurück.

Das Stichwort «Werktreue» erscheint mir besonders wichtig: Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit jemand dieser Aktualisierung, dieser immer genau am Text orientierten psychologischen Ausdeutung, aber auch der Verfremdung folgen kann, der die «Zauberflöte» vielleicht zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben sieht. Die Pforzheimer Inszenierung verlangt dem Erstbesucher viel ab, und manche Idee des Regisseurs kann nicht ad hoc verstanden werden.

Diese Oper beinhaltet allerdings so viele Nuancen und Deutungsmöglichkeiten, dass es gut und richtig erscheint, sich auf einen Hauptaspekt zu beschränken und diesen stringent zu verfolgen; das ist Jochen Biganzoli und dem Pforzheimer Ensemble einfühlsam und erfreulich frisch gelungen.

 

Dr. Mechthild Schade - Busch, Mainz


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