JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

DIE ZAUBERFLÖTE von Wolfgang Amadeus Mozart

STADTTHEATER PFORZHEIM


FRAGEN AN DEN REGISSEUR

Mozarts "Zauberflöte" gehört zu den meistgespielten Werken des Opernrepertoires und ist auf unterschiedlichste Weise in Szene gesetzt worden. Herr Biganzoli, wo setzen Sie die Schwerpunkte Ihrer „Zauberflöte"?

Es ist ein psychologisches,  modernes Märchen, was hier erzählt wird. Wie wir dazu gekommen sind, das hat mit der Analyse der Partitur zu tun, weil ich glaube, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was Schikaneder wollte und was Mozart wollte. Dieses ganze Wiener Vorstadt- Komödien- Maschinentheater - das hat Mozart, bis auf das Vorspiel zur ersten Arie der Königin der Nacht, nicht komponiert.


Das heißt, es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Textbuch und der Musik?

Ja, im Sinne vom Stil. Dem Stil des Librettos und im Stil dann, den Mozart mit seiner Musik eingebracht hat. Er hat tiefere Dimensionen eingebracht als vielleicht Schikaneder das gedacht hat. Und gerade deswegen spielen wir die Oper heute noch, weil es nämlich um menschliche Grundbedingungen geht, die auch heute absolut aktuell sind. Und auch weil es eine wunderbare Mischung gibt zwischen lustigen und ernsten Situationen. Mozart kennt beides: Lebensfreude und Todesgedanken.

Zunächst erscheinen die Figuren der "Zauberflöte" eingeteilt in Gut und Böse; im Laufe der Handlung treten dann unweigerlich Brüche auf. Diese Brüche spielen natürlich schon eine Rolle, aber ich glaube, dass Mozart uns damit sagen wollte, dass sie zum Leben dazugehören, also dass dieses Gut und Böse in jedem steckt. Nehmen wir Sarastro, der einerseits die Freimaurertugenden vertritt, aber Sklaven hält. Das ist ein Widerspruch in sich, aber (Macht-)Menschen reden oft anders als sie handeln. Wichtig ist mir aber der Aspekt, dass Mozart mit seiner Musik die Figuren nie denunziert, nie wertet.


Welche Rolle spielt für Sie die vielzitierte Freimaurersymbolik?

Nur eine untergeordnete, und das kann man, glaube ich, ein Stück weit aus der Partitur entnehmen. Das Stück beginnt und endet in Es-Dur (hat drei B, drei ist die Freimaurerzahl schlechthin). Nur sind es nicht die Sarastro - Szenen, die in dieser Tonart stehen, sondern es ist Taminos Bildnisarie, es ist das Duett Pamina/Papageno "Mann und Weib" - es geht also eher um Liebe und Verständnis zwischen Menschen, über alle Grenzen hinweg, und die Freimaurer-Elemente im Stück stehen in ganz anderen Tonarten. Der Schwerpunkt liegt meiner Ansicht nach in diesem menschlichen Bereich, wo es um Liebe geht, und, wie wir in unserer Interpretation meinen, um die erste Liebe, um das Erwachen der Sexualität, um “das erste Mal”. Tamino singt: "Soll die Empfindung Liebe sein?" Das fragt man sich nach dem vierten Mal nicht mehr, aber jetzt macht es ihn wirklich verwirrt und unsicher, macht ihn und auch Pamina manipulierbarer gegenüber den Erwachsenen, die die Jugendlichen für ihre politischen Zwecke einsetzen.


Stichwort: Erwachsenwerden, Generationenkonflikt. Aber es gibt ja auch Hilfe durch die drei Knaben oder das Wohlwollen der alten Geharnischten?

Die jungen Leute erfahren in dem Sinne keine Hilfe, sondern sie lernen durch die schwierigen Situationen, durch die sie müssen, durch die Lebenssituation, in die sie getrieben werden. Daraus gehen sie gestärkt hervor.

Und sind bereit, die von ihnen erwartete Nachfolge Sarastros anzutreten?

Ich glaube nicht. Man stelle sich vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Es ist schon so, dass Sarastro die Beiden als Nachfolger haben will, nur die wollen es nicht, das ist meine Interpretation. Sie gehen weg. Für sie ist ihre persönliche Empfindung in dem Moment wichtiger, als jetzt irgend einem von Erwachsenen vorgezeichneten Weg zu folgen. Vielleicht kommen sie nach einem Jahr wieder und sagen, jetzt sind wir so weit. Aber das weiß man nicht. Auch musikalisch gibt es kein Zusammenführen, kein großes gemeinsames Finale wie in anderen Opern Mozarts. Pamina und Tamino haben ein eigenes Finale, wenn man so will, in der Feuer- und Wasserprobe. Papageno und Papagena haben ihr eigenes Finale (Duett). Die drei Damen und die Königin marschieren ab in die Hölle. Sarastro gibt noch ein kurzes "Statement" ab, dann kommt ein Jubelchor und Schluss.


Ist Sarastro am Ende der Verlierer?

Sarastro ist für mich eine Art Hans-Sachs-Figur, ein älterer Mann, der sich in ein junges Mädchen verliebt. Er kann sie nicht zwingen, ihn auch zu lieben, und so verzichtet er. Aber er hat die menschliche Größe, Tamino und Pamina zusammenzuführen. Monostatos begehrt Pamina ja auch, aber er geht als Triebmensch offen mit seiner Sexualität um. Und wenn Sarastro Monostatos bestraft, hat es manchmal auch den Eindruck, er denkt: Wenn ich das nicht darf, darfst du das auch nicht. Das sind zwei Männer, die sehr unterschiedlich mit ihren Gefühlen und Empfindungen umgehen, wobei es wirklich nachgeordnet ist, dass der eine eben der Chef vom anderen ist.


Sie berufen sich sehr oft auf die Partitur. Wie weit bedingen Szene und Musik einander?

Zunächst mal schreibt mir die Musik die zeitliche Dimension des Abends vor, und das betrifft auch die Art und Weise, wie etwas empfunden wird von den Darstellern. Ich glaube, dass Partituranalyse wirklich die Basis ist, dass diese formale Gestalt einer musikalischen Nummer eine formale Entsprechung in der Inszenierung haben muss. Ich bin kein Regisseur, der jetzt sich überlegt, was mache ich, während die Musik spielt, sondern was muss auf der Bühne passieren und sein und gedacht werden und gefühlt werden, damit die Musik, die wir haben, auch stattfinden kann. Denn es ist eine unmittelbare, pure emotionale Ausdrucksmusik, und das muss auch so unmittelbar und pur ausgedrückt werden, zumindest bei diesem Werk. Der Zuschauer braucht dann auch keine Vorbildung, sondern er kann mit dem Herzen und seiner persönlichen Lebensbiographie und seinen persönlichen Emotionen in der Vorstellung sitzen und es verstehen. Vielleicht versteht er nicht immer den Text, aber er versteht emotional sehr genau, was da auf der Bühne passiert.



aus dem Programmheft - Stadttheater Pforzheim



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