JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

DER ROSENKAVALIER von Richard Strauss

LANDESTHEATER EISENACH



DEUTSCHLANDFUNK MUSIKJOURNAL, 15. OKTOBER 2007  

Dieses opulente Werk, diese klanggewordene Silberrose in einem so kleinen Theater wie Eisenach? Man durfte zweifeln, aber es sprach viel dafür, diesen Kraftakt zu riskieren. Es sollte noch einmal besonders schön sein in der letzten Saison des Eisenacher Theaters.

Die Landeskapelle, für die opulente Strauss-Partitur von 42 auf 55 Musiker aufgefüllt, steigerte sich nach anfänglicher Unsicherheit bereits im Laufe des 1. Aktes zu einer akzeptablen Leistung mit schöner Transparenz in den delikaten kammermusikalischen Passagen. Die Walzer hatten gutes Tempo und einigen Schmäh, das Parlando die nötige Beflissenheit. Tetsuro Ban am Dirigentenpult schien sehr auf den Orchesterklang konzentriert und vollauf beschäftigt mit den überraschenden Wendungen zwischen Kantilenenseligkeiten und anarchistischen Ausbrüchen in der Partitur. Die Balance zwischen Bühne und Graben darf ausgewogener, die musikalische Verflechtung inniger werden.

Regie führte Jochen Biganzoli, der für das chorlose Eisenacher Musiktheater schon hochinteressante theatralische Lösungen bei „Land des Lächelns“, „Luisa Miller“ und „La Bohème“ gefunden hatte.

 

Wenn wir versucht hätten, irgendeine Form von schönem Rokoko
in Eisenach auf die Bühne zu stellen hätte es bei dem kleinen Ausstattungsetat billig gewirkt.
Strauss hat für seinen Luxusartikel Rosenkavalier an nichts gespart.
Wir können nur mit Kreativität und Phantasie einen ganz anderen Zugang zu diesem Stück finden.

 

Biganzoli gelang die Quadratur des Kreises, er entwickelte aus der Geschichte der Figuren einen Bezug zur Eisenacher Situation.

 

Der Schluss war relativ schnell klar, weil er mit der Eisenacher Theatersituation
zu tun hat und wir haben uns gefragt, was müssen wir vorher veranstalten, dass wir exakt da landen.

 

Biganzoli bietet dem Publikum eine Art gläsernes Theater.

 

Wir legen alle drei Akte in unterschiedlichen Theaterstilen an,
dass man am Ende spürt, was man verliert. So ist der erste Akt, klassische erzählt,
ein Seelenraum, der zweite bietet einen Ausblick, wie es vielleicht einmal sein wird in Eisenach.
Der dritte Akt beginnt damit, dass sich die Sänger kostümieren und
geht weiter bis man die Menschen sehen kann, die das Theater machen.

 

Im Mittelpunkt des 1. Aktes steht die Feldmarschallin. Biganzoli zeigt sie nicht resignierend abgeklärt, er gibt ihr ein Schicksal. Für einen Moment erscheint ihr Ehemann, er stößt sie brutal zu Boden. Die zarten Hände ihres jugendlichen Liebhabers Octavian können sie zwar trösten, trotzdem gibt sie ihm am kommenden Morgen den Abschied. Es ist ihr 40. Geburtstag. Die Erinnerung an das abrupte Ende ihrer Jugend befällt sie und das Innewerden der verrinnenden Lebenszeit.

Für diesen Akt hat sich der Regisseur von Andreas Wilkens eine Art neutralen Lichtkasten bauen lassen. Ein Kühlschrank voller Sektflaschen steht darin und ein Liegemöbel ist gleichzeitig Luxusbadewanne und Bett. Die bezaubernde Marschallin, Maria Gessler, nutzt den Raum mit kammerspielgenauer Präzision in der Darstellung. Die Wärme des zärtlich geborgenen Erwachens lässt sie langsam abkühlen, die Heiterkeit zerbröselt, die mühsam bewahrte Haltung weicht auf, zum Schluss ist nichts als blanke Verzweiflung. Maria Gesslers schöne, barockmusik-geschulte und sicher geführte Stimme passt genau in das kleine Theater. Wenn sie davon singt, nachts die Uhren anzuhalten, stockt dem Publikum der Atem.

Im zweiten Teil mutiert das Theater zur „location“. Wer es sich leisten kann, mietet das Haus für die gehobene Familienfeier. Waffenhändler Faninal kann. Er zelebriert die Verlobung seiner Tochter. Sophie wird adlig, Baronin auf Lerchenau. Zuschauer mit VIP-Karte dürfen bei Sekt auf der Bühne sitzen. Dass der arrogante Baron Ochs ein ungehobelter Patron ist und Sophie ihn partout nicht mehr will, lässt das Event allerdings etwas aus dem Ruder laufen. Octavian hat es ihr plötzlich angetan, obwohl der wenig dafür tat. Verkatert und verzweifelt nach dem Abschied von der Geliebten bringt er die protokollarische Rosenüberreichung gerade so über die Bühne. Erst als er endlich einen Blick für Sophie hat, stürzt ihm die neue Liebe ins Herz. Miriam Sajonz ist eine quicklebendige Hosenrollen-Idealbesetzung mit einem Mezzo, der besonders schön in den tieferen Registern leuchtete.

Theater zum dritten nach der zweiten Pause. Bühnenarbeiter rollen die Kulissen herein. Zum Vorschein kommt ein Kasperletheater mit Hanswurst und Grete, Schutzmann und Prinzessin. Die „Beisl“-Szene als Farce, als „wienerische Maskerad“ und ohne Zwang zum Belcanto. Ochs’ große Stunde. Dario Süß scheint für diesen Teil der Rolle wie geschaffen, eine bewegliche gedrungene Gestalt mit echter Glatze, etwas bemüht in den wenigen kantablen Stellen seiner Partie, jedoch ein formidabler Komiker unter den Sänger-Darstellern.

Dem absurden Liebeswerben in der Wiener Spelunke folgt der Sturz ins Bodenlose, nach dem Klamauk das Elend. Die bunte Kulisse verschwindet. Im fahlen Arbeitslicht erscheint die Marschallin auf der leeren Bühne, tote Augen hinter der Sonnenbrille, die Sektflasche in Reichweite. Die Sache hat ein Ende; sie sagt es mehr zu sich selbst als zum blamierten Mitgiftjäger Ochs.

Die Sache hat ein Ende, für alle. Zum utopischen Schlussduett gehen die Kostüme in Rauch auf, Kammerjäger in weißen Overalls desinfizieren das Haus. Was lebt, wird ausgeräuchert und an der Rampe beginnt das Haus zu brennen. Dann senkt sich der eiserne Vorhang.

Die stehenden Ovationen galten allen Mitwirkenden und den Eisenacher Theater.

 

Irene Tüngler


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