JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

DER FREISCHÜTZ von Carl Maria von Weber

LANDESTHEATER DETMOLD



DEUTSCHLANDFUNK MUSIKJOURNAL, 19. JUNI 2006

Kein Jubel nach dem ersten Schuss, auch nach dem zweiten nicht und nach dem 3. ein gehässiger Triumphlaut. Max, der Jäger hat beim Sternschießen nichts getroffen. Die Leute jubeln Kilian zu, stampfen um Max herum einen bösen Reigen, heben ihn auf einen Stuhl, stülpen ihm eine Eselsmaske über den Kopf und lassen ihm die Hosen runter. Als Kuno nebst Jagdgefolge auftritt, eskaliert der Streit und bewaffnete Bauern und Jäger legen aufeinander an. Inkonsequente Überläufer, vor allem die Frauen, die da etwas von „lasst fröhlich die Hörner erschallen“ singen, bekommen Ärger.


Schon in dieser Anfangsszene hat Regisseur Jochen Biganzoli sehr genau auf die Texte und Motivationen der Figuren von Kind und Weber achtgegeben und sichtbar gemacht, was sonst nur im psychologischen Untergrund der Figuren auffindbar, im musikalischen Kontext angedeutet oder allenfalls im ungelenken Dialog behauptet wird. Biganzoli formt daraus Szenen, die sich allein im Kontext allzu biederer Sehgewohnheiten einen Moment lang als Irritationen darstellen.

Im Verlauf des ersten und zweiten Aufzugs bis zur Wolfsschluchtszene gewinnt diese Arbeitsmethode immer mehr an Kontur und Stringenz. Schon in Max’ großer Szene im 1. Akt lässt Biganzoli Agathe auftauchen, die Max in einen diabolischen Walzer hineinstrudelt. Ännchen öffnet zu ihrer Arie vom schlanken Burschen einen mit goldschimmernder Seide ausgeschlagenen Schrank und aus diesem Zauberkasten tritt, gefolgt vom Hochzeitsaufgebot der Dorfbewohner, Kilian hervor, der Mann ihrer Sehnsucht. Wenn Agathe am Ende ihrer großen Szene mit den Worten „Süß entzückt entgegen ihm“ die Tür öffnet, steht dort Kaspar – im langen Mantel, den großkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen ein stummer Wanderer mit einem Strauß roter Rosen. Man weiß, ehe er in den Krieg zog war er Agathes Bräutigam.

Die Wolfsschluchtszene beginnt ebenfalls bei Agathe. „Uhuii, Uhuii“ singen ihr die Dorffrauen grausig ins Ohr. Die Dörfler spielen das wilde Heer und wollen am Ende nur noch der Enge des Zimmers entfliehen. Erst zum Schlussakkord bersten die Mauern und Samiel tritt die Macht an, ein brennender Mann aus Stahl.

An dieser Stelle wechselt die historisch-politische Perspektive der Inszenierung. Bühnenbild, Kostüme und Requisiten assoziieren den Zeitsprung über ein Jahrhundert zwischen der Entstehungszeit des Werkes und dem Anfang des 20. Jahrhunderts.


Die rigorose feudale Hierarchie mit ihren unverrückbaren Abständen schuf den Romantikern psychische Bedrängnis, Angst und Ohnmachtsgefühle gegenüber dem unveränderbaren Schicksals. Gleichzeitig hatte diese Welt eine Ordnung, gab die Enge ein Gefühl des Behaustseins. Stefan Morgensterns Bühnenbild, ein geschlossenes Zimmer mit Brautkleid über der Schneiderpuppe und Weber-Büste auf der Wandkonsole, die natürlich zum gegebenen Zeitpunkt herabfällt und zusammengeklebt wieder inthronisiert wird, spricht davon. Im zweiten Teil ist die Bühne offen. Scharf treten soziale Widersprüche hervor. Eine Brautkrone gibt es nicht, weil die Geldsammlung unter den Frauen nicht reihte. Ännchen trinkt sich vor Verzweiflung einen an. Die Bauern sind Bergarbeiter geworden, ihre Sachen hängen wie in einer Waschkaue am Bühnenhimmel. Ihr Chorgesang ist nur noch Folklore. Der Fürst tritt als Herrenreiter mit sechs streng gescheitelten Burschen auf, die zum gegebenen Zeitpunkt die Pistolen anlegen. Es gilt einem der kleinen Leute, Mitglied eines christlichen Arbeitervereins möglicherweise, der mit den Worten des Eremiten hartnäckig und trotz Prügel nicht einschüchterbar eine anständige Behandlung für Max fordert. Blutige Gewalt droht im sonst so versöhnungsseligen Finale der Oper.

Eine das Ensemble derart intensive Inszenierung handwerklich so gut zu arbeiten, wie es Jochen Biganzoli gelang, besonders deutlich am ausgezeichnet spielenden und singenden Chor, stellte sich als schwierige Aufgabe dar. Das Landestheater Detmold bespielt mit seinem höchstens mittelgroßen Ensemble eine Reihe von Bühnen der Umgebung.


Dennoch konnte es für den Max mit Johannes Harten eine Tenor des deutschen Fachs aufbieten, wie man ihn so ausgeprägt und perfekt selten zu hören bekommt. Er sang ohne die geringsten Konditions- oder Höhenprobleme, ließ seine Arbeit mit dem Lied deutlich hervortreten und war überdies in Haltung, Erscheinung und Gestus eine nahezu ideale Verkörperung der Figur des neurosengepeinigten und zugleich rechtschaffenen Max. Brigitte Bauma als sehr bodenständige Agathe stand ihm in allen diesen Eigenschaften kaum nach. Sie fand vor allem die lyrisch-dramatische Balance sehr genau. Auch das übrige Ensemble war durchweg gut bis sehr gut besetzt – das „Walküren“-Vorhaben für die nächste Detmolder Spielzeit hat gute Chancen.

Erich Wächter hatte mit dem Orchester auf eine Interpretation der groß ausgespielten Kontraste gesetzt. War in der Ouvertüre noch eher das Bemühen darum hörbar, zu oft fiel die Spannung ab – so gewann der Interpretationsansatz im Verlauf des Abends deutlich an Schärfe. Was die Höner in Detmold leisteten, war schlicht bewunderungswürdig. Sie hätten einen Extra-Beifall im allgemeinen Jubel für alle Beteiligten verdient.


von Irene Tüngler



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