JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

COSÌ FAN TUTTE von Wolfgang Amadeus Mozart

STADTTHEATER PFORZHEIM



STICHPUNKTE ZU COSI FAN TUTTE

Die Handlung wird getragen von den ambivalenten Anforderungen gesellschaftlicher Moral/Konvention einerseits und individuellem Glücksstreben/Triebbefriedigung andererseits. Damit thematisieren Mozart/Da Ponte in diesem Werk ein Grunddilemma des bürgerlich-modernen Menschen.

Sie tun dies aus einer bestimmten Perspektive:


der hoffnungsvollen Aufbruchstimmung einer sich konstituierenden neuen Gesellschaftsform. COSI FAN TUTTE ist damit Beleg für den Anbruch der bürgerlichen Gesellschaft, die vielen - in der höfischen Gesellschaft bislang unterprivilegierten - Schichten eine positive Utopie gestattete.Zentrale Momente der bürgerlichen Emanzipation - sowie des Werkes - sind die Vernunft als Weg der Aufklärung sowie die (bürgerliche) Kultur mitsamt ihrer eigenen Ethik und Moral. Sie sollten vor allem zur sozialem Distinktion dem Adel gegenüber dienen.


Grundsätzlich hat sich an diesen - damals neu konstituierten - Werten und der damit verbundenen moralischen Idealen nichts geändert. Sie beherrschen auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts unser „Über-Ich“. Lediglich der Umgang mit diesen idealtypischen Kategorien und ihr Erleben hat sich verändert: Sie erscheinen nun nicht mehr als ungetrübt hoffnungsvoller Weg, sondern werden zu etwas, dem wir „das Beste verdanken was wir sind...(Freud). Wir erleben das Unbehagen in unserer Kultur, empfinden moralische Anforderung zunehmend - auch - als Belastung für unser Leben. Zweihundert Jahre bürgerliche Gesellschaft haben aufgezeigt, dass der Prozess der Aufklärung einen deutlich dialektischen Charakter aufweist (Horckheimer/Adorno).


Eine Inszenierung von COSI FAN TUTTE im Jahre 2002/2003 muss diese Veränderungen aufgreifen und deren Folgen behandeln, sofern sie nicht versucht museal die Zeit und vor allem die Mentalität der französischen Revolution darzustellen. Es gilt, in einem Dialog der Zeiten (Jacques LeGoff) die Handlungsvorlagen Mozarts/Da Pontes in ein Verhältnis zur Gegenwart zu bringen. Dabei darf es nicht das Ergebnis sein, das Stück einfach an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit spielen zu lassen - es muss gleichfalls Auswirkungen auf die Grundaussage des Stückes haben.


Das gilt vor allem für die Ehe, als der Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft. War sie am Ende des 18. Jahrhunderts für Mozart/Da Ponte der Weg, der es dem aufgeklärten Menschen ermöglicht seine Triebhaftigkeit zu kontrollieren, so erscheint sie heutzutage als fest institutionalisierte Lebensform, die Steuererleichterungen und andere gesetzlich festgelegte Privilegien mit sich bringt sowie als freudiges Ereignis (Hochzeit), das jedem die Gewissheit bringen kann in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen zu sein. Wie viele andere Elemente bietet auch die Ehe die Chance eine „Normalbiographie“ zu entwerfen - was angesichts zunehmender Biographie-Vielfalt Probleme in sich birgt: „Lebensabschnittspartnerschaften“, „Homo-Ehe“ etc. zeigen einerseits die Aufweichung der ursprünglichen Ideale an, andererseits auch deren Fortexistenz („Ehe ohne Trauschein“ bzw. „Homo-Ehe“). Es erfolgte kein Überdenken der ursprünglichen Positionen, keine Abrechnung mit der bürgerlichen Moral, sondern ein permanentes Schwanken zwischen dem Willen zur Veränderung und dem Verharren im ursprünglichen Rahmen.


Gleiches gilt für die Sexualität: längst schon findet Sexualität nicht mehr in der Ehe, als legitimierter Form heterosexuellem Daseins, ihr Zuhause wie Mozart/Da Ponte es thematisieren. Die Sexualität der Gegenwart ist vielmehr zunehmend virtueller Natur: Webcams und Pornohomepages, Telefonsex, Voyeurismus á la Big Brother verstärken eine Entwicklung, die mit Fernsehen und Video bereits stark ausgeprägt war. Die Lust es zu tun (also der Libido zu folgen) wird transformiert in einen „Willen zum Wissen“ wie Michel Foucault es in „Sexualität und Wahrheit“ beschreibt. Die Lust am Detail, die Freude am Zusehen und Zuhören lässt sich an den Themen von Talkshows sowie deren Einschaltquoten ablesen. Schummrige Kamerabilder, die rhythmische Bewegungen unter Bettdecken in Containern zeigen, werden gesehen, interpretiert und bewertet. Die Medien, die Gesellschaft, Jedermann - alle sind befähigt an der Diskussion teilzunehmen. Man schwankt zwischen neugierig lüstern (inoffiziell), empört oder gibt sich einfach mal liberal. Die Stimmen, die eher kritisch fragen, ob es nicht wichtigere Themen gäbe als Beischlaf in Containern, Abstellkammern (Boris Becker) oder in Teppichgeschäften (Dieter Bohlen) verhallen zumeist ungehört, spielen angesichts des breiten Interesses für solche Themen keine nennenswerte Rolle.  


Es ist diese Lust an der Betrachtung des Absonderlichen, Außergewöhnlichen, Perversen nebst der Neigung sie zum Gegenstand eines gesellschaftlichen Diskurses zu machen, die kennzeichnend ist für unsere Gesellschaft. Die Handlung von COSI FAN TUTTE bringt solche Absonderlichkeiten auf die Bühne: Partnertausch, die Frage „tun sie es oder tun sie es nicht“ etc. - im Unterschied zur Zeit Mozarts gilt es nun nicht mehr „den richtigen Weg“ aufzuzeigen (hier herrscht Ratlosigkeit und wenig Zutrauen in die Aufklärung), sondern dem Zuschauer darzustellen wie heute mit derartigen Dingen umgegangen wird. Der Theaterbesucher wird in doppelter Weise zum „Zuschauer“ - wie daheim vor dem Fernseher, wenn er Einblicke in Container nimmt oder vor dem heimischen PC, wenn er eintaucht in die virtuelle Welt der Sexualität. 


Die Rolle Don Alfonsos ist von diesen gesellschaftlichen Veränderung besonders betroffen: notwendigerweise wird er vom Jünger der Aufklärung, der die Vernunft als Weg ansieht in der postindustriellen Mediengesellschaft zum „Macher“, der sich weniger um Ideale als um die Herstellbarkeit von Situationen und deren Vermarktung kümmert. Damit wird der Figur jedoch keine Gewalt angetan, denn schon bei Mozart/Da Ponte finden sich menschenverachtende Züge - und in der Wette geht es auch um Geld. 


Auch die übrigen Figuren müssen gegenwartsbezogen hinterfragt werden. Hier sind es vor allem die Gender-Roles, die zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung gemacht werden können: Wie steht es heute um unsere Frauen- und Männerbilder? Die Relativierung und Liberalisierung der Geschlechterbilder ist sicherlich ein Faktum - aber ebenso häufig wie dieses Faktum angerufen wird fällt auch der Satz „typisch Mann“/“typisch Frau“. Vielleicht ist die Palette der Typen vielfältiger geworden - verabschiedet haben wir uns davon nicht. Diese Vielfalt (vs. Mann-Frau-Dichotomie bei Mozart/Da Ponte) gilt es aus den einzelnen Figuren herauszuarbeiten (also: wie unterscheidet sich Guglielmo von Ferrando und wie Dorabella von Fiordiligi).


Jochen Biganzoli / Dr. Frank Nolte



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