JOCHEN BIGANZOLI / REGISSEUR

AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY

von Bertold Brecht und Kurt Weill

STADTTHEATER PFORZHEIM



Vorbemerkungen 

„In Mahagonny wird Wild-West als das dem Kapitalismus immanente Märchen evident, wie es Kinder in der Aktion des Spieles ergreifen. Die Projektion durchs Medium des kindlichen Auges verändert die Wirklichkeit so weit, bis ihr Grund verständlich wird.“

(Th. W. Adorno)

 

Gründung der Stadt Mahagonny

Dass die Frage, wo die Stadt Mahagonny liegt, nicht geographisch beantwortet werden kann, liegt nicht allein an ihrer allegorischen Qualität als kapitalistische Hölle. Vielmehr erscheint sie im Geschehen auf der Bühne auch als ein von aller Gesetzlichkeit und Sicherheit befreiter Raum, in dem sich soziale Ereignisse mit der Unvorhersehbarkeit eines Wirbelsturmes abspielen. Die Oper ist demgemäß keine Dramatisierung, sondern gibt sich als szenisches „Modell“.

 

Geld macht sinnlich…

…und das bedeutet, unter anderem, das Problem der Ver-Sinnlichung der Utopie und der Glücksvorstellungen, in diesem Stück – als dialektisches Problem des Verhältnisses von Stille und Lärm. Stille ist ein Merkmal der Utopie, des Paradieses und des Bei-sich-Seins. Andererseits entdeckt gerade diese Stille die Leere der sozialen Verhältnisse und der Entfremdung, und deshalb wechselt man von Stille auf Lärm („Hochbetrieb in Mahagonny“). Der Lärm wird hier zum Versuch die soziale Leere zu verdecken.

 

Männerwelt und die Rolle der Frauen

Die Welt von Brechts Dramen ist eine Männerwelt. Insbesondere gilt dies für die Oper „Mahagonny“, in der eine Welt dargestellt wird, die ganz auf die Befriedigung durchweg männlicher Bedürfnisse ausgerichtet scheint. Mahagonny ist ein Schlaraffenland für Machos. Die Stellung der Frauen bzw. deren sozialer Möglichkeiten beschränkt sich auf die Befriedigung der männlichen Begierden, wie der Whiskey und das Boxen. Jennys zynisch kalter Verrat an Jim Mahoney könnte man als Art Racheakt begreifen, in der das Aufbegehren der Frauen gegen die Unterdrückung und die Ausbeutung sichtbar wird.

 

Mahagonny und die Spaßgesellschaft

Der Spaßgesellschaft wird nicht nur vorgeworfen, geradezu zwanghaft an ihren Vergnügungen zu arbeiten, sie wird auch verdächtigt, in der Entgrenzung der Triebe und im Ausbrechen des Asozialen das eigene Ende immer schon herauf zu beschwören.

(Mit dem 11. September wurde denn auch das Ende der Spaßgesellschaft postuliert.)

Die Potenzierung der Spielebenen, die absurden Dialoge, die grotesken und surrealen Situationen machen, indem sie die Ideologie des Geldes zertrümmern, eine Realität des Schreckens kenntlich; die theatrale Inszenierung wird zur eigentlichen Wirklichkeit, der Theaterspaß negiert die Spaßgesellschaft.

 

 „Eine Diskussion der heutigen Gesellschaftsform,
ja sogar nur ihrer unwichtigsten Bestandteile würde sofort
und unhemmbar zu einer absoluten Bedrohung
dieser Gesellschaftsform überhaupt führen.“

(B. Brecht)


Mahagonny damals und heute?

Die Oper Mahagonny widerspiegelt gerade in ihren gewollten Verzerrungen und provokativen Überspitzungen ein weit verbreitetes (seit Mitte des 19. Jh. sich entwickelndes) Gesellschaftsbild. Es ist das Bild einer kalten, inhumanen Welt, wo Erfolg und soziale Stellung nur über Geld definiert werden. Mitleid sind Regungen, die man sich nicht erlauben kann, da sie die eigene soziale Stellung gefährden könnten.

Unser heutiges Gesellschaftsbild ist geprägt vom neoliberalen Modell, wie es sich in der aktuellen Politik widerspiegelt. Hierzu gehören die öffentlichen Debatten um die Überforderung des Sozialstaates durch „Sozialschmarotzer“, die soziale Ausgrenzung immer größerer Gruppen, die zu arm, zu alt, zu jung, zu wenig oder falsch qualifiziert sind, oder ganz einfach auf dem Arbeitsmarkt nicht (mehr) gebraucht werden und die ideologische Verbrämung dieser Vorgänge durch ein Gesellschaftsbild, dass einzig und allein auf individuelle Leistung setzt. Diese individuelle Leistung muss ausgewiesen werden durch beruflichen Erfolg, der sich in entsprechendem Einkommen niederschlägt. Misserfolg gilt als persönliches Versagen, soziale Gründe werden nicht anerkannt, ein solidarisches Gesellschaftsmodell gilt als überholter Luxus, den man sich in harten Zeiten nicht leisten kann. Die Gesellschaftsbilder von damals und heute ähneln sich, das heute vorherrschende wirkt allerdings auf den ersten Blick subtiler, führt aber letzten Endes, wenn auch nicht direkt zur Todesstrafe für Geldlose, häufig aber zu ihrem sozialen Tod. (Steigende Armut in einer Welt, in der alles bezahlt werden muss.) Zudem basiert der wirtschaftliche Erfolg in der „ersten“ Welt auf die Ausbeutung der Menschen der „dritten“ Welt, daran hat sich auch nichts geändert. Nur in Zeiten der Globalisierung hat man auch hier subtilere Möglichkeiten, vor allem aber ist man schneller.

Dies alles öffentlich anzuprangern, sei es durch Wissenschaft, Literatur oder Theater etc. bleibt allerdings ähnlich folgenlos wie zu Brechts Zeiten.

  

„Eine Methodik, die zu solcher Präzision der Ergebnisse fähig ist,
kann nicht überholt sein, es sei denn, man ist an präziser Analyse nicht interessiert.“

(P. Konwitschny)

  

Zur Konzeption

Mahagonny ist kein realer Ort, sondern die überspitze Darstellung eines gesellschaftlichen Prinzips. Ein Idealtypus, ein theatralisches, absurdes und surreales Spiel, das sich der unmittelbaren Realität entzieht, aber im Stil eines großen Revue- bzw. Varietetheaters, der Wirklichkeit wieder zu Leibe rücken soll. Die Inszenierung nähert sich auf zweierlei Weise dem Revue- bzw. dem Varietetheater. Einerseits gibt es einen Conferencier, der „durch die Handlung“ führt – es werden die Brechttexte gesprochen, die normaler Weise projiziert werden. Andererseits: Begbick, Fatty und Moses als Initiatoren der Geschichte treten zunächst in Form von Handpuppen auf, dann in Lebensgröße. Weiß geschminkt wie Clowns beginnen sie ihr „Spiel“. Alle Mahagonny-Gäste werden von ihnen ebenfalls geschminkt und so zu Beteiligten des Spiels. Die Spielweise ist grotesk, teilweise choreographiert. Keine emotionale Identifikation mit den Figuren. Weills Musik bietet hier die Grundlage. Einzelne Bilder („Essen“, Liebesakt“ etc.) werden „vorgeführt“.

Bis zur großen Arie des Jim Mahoneys – denn an dieser Stelle bricht das Menschsein/die Menschlichkeit im Spiel durch, sie kann sich nicht mehr hinter Masken und Schminke verstecken. Jim schminkt sich ab, ebenso das Ensemble im Benares-Song, das Stück rückt uns nahe. Am Ende wird aus dem Variete/Revuespaß blutigster Ernst.


> zurück